Hamburger Rede zur Zukunft Europas
mit dem ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni

Die zweite Hamburger Rede zur Zukunft Europas, die im Rahmen der mehrjährigen Konferenzreihe des Hamburg-Vigoni Forums organisiert wird, fand am Montag, den 16. Februar 2026, statt. Mehr als 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft kamen zusammen, um dem ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni zuzuhören, der über die Zukunft Europas sprach – insbesondere über die European Strategic Autonomy Four Years After Russia’s Invasion of Ukraine.
Gentiloni hat die europäische Politik auf höchster Ebene geprägt: als italienischer Außenminister, als Ministerpräsident sowie als EU-Kommissar für Wirtschaft in einigen der turbulentesten Jahre der Europäischen Union.
Zu Beginn seiner Rede betonte Gentiloni, dass sich Europa angesichts tiefgreifender geopolitischer Verschiebungen – insbesondere im Hinblick auf Russland und die Vereinigten Staaten – in einem historischen Moment befinde und dass neue Lösungen dringend erforderlich seien. „There is no point looking back“, erklärte er. „Nostalgia is not a strategy.“ Stattdessen müsse Europa „neue Lösungen finden“, und die Suche nach strategischer Autonomie sei Teil dieses umfassenderen Ringens. „Strategic autonomy is an urgent necessity“, warnte er. „Failure to achieve it would not only endanger Europe’s future – it would jeopardize Europe’s present.“
Strategische Autonomie bedeute dabei nicht die Abkehr von Bündnissen, sondern die Weigerung, sich in eine Zukunft drängen zu lassen, die Europa weder wolle noch für richtig halte. „Strategic autonomy is first and foremost about preparedness“, so Gentiloni. Er erläuterte, wie sich diese „Preparedness“ aus seiner Sicht in den Bereichen Sicherheit und Verteidigung, Wirtschaftspolitik sowie durch Investitionen – „in democracy, in institutions and in our citizens“ – konkretisieren sollte.
Trotz der Ernsthaftigkeit der aktuellen Herausforderungen schlug Gentiloni keinen pessimistischen Ton an. Sein optimistischer Ausblick auf die kommenden Jahre und Jahrzehnte gründet auf der Überzeugung, dass Europa in den vergangenen Jahren bereits viel erreicht habe – etwa bei der Unterstützung der Ukraine sowie bei der Bewältigung der wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie. Europa habe „a great deal accomplished without sacrificing its democratic credentials“. Nun sei jedoch der Zeitpunkt gekommen, den Moment zu nutzen. Aus seiner Sicht seien drei Elemente entscheidend: „1) greater burden sharing, 2) deeper integration, and 3) faster decision making.“ All dies könne jedoch nur gelingen, wenn Europa ein stärkeres Bewusstsein für seine eigene Stärke entwickle: „We are much stronger than we appear — we have to be aware of our strength and show strength more than we are accustomed to.“
Im Anschluss an die Rede fand eine Podiumsdiskussion statt mit Luigi Mattiolo, Präsident von Villa Vigoni – dem Deutsch-Italienischen Zentrum für Europäischen Dialog; Prof. Dr. Ursula Schröder, Direktorin des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg; sowie Liv Assmann, Staatsrätin und Bevollmächtigte der Freien und Hansestadt Hamburg beim Bund, bei der Europäischen Union und für auswärtige Angelegenheiten. Das Panel vertiefte zentrale Aspekte der Rede, insbesondere Fragen der strategischen Autonomie in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik, der wirtschaftspolitischen Steuerung sowie der institutionellen Reform der EU und beleuchtete zudem die Rolle der deutsch-italienischen Partnerschaft in diesem Kontext.
Bereits am 15. Februar hatte der ehemalige EU-Kommissar an einem Gespräch im Helmut-und-Loki-Schmidt-Haus teilgenommen, das von der Helmut-und-Loki-Schmidt-Stiftung organisiert wurde. Im Mittelpunkt standen die wirtschaftlichen Perspektiven der Europäischen Union sowie ihre langfristige strategische Ausrichtung.
